Parasozial – das Wort des Jahres 2025 erklärt nur die Hälfte.

„Erinnerst du dich, wie leer es war, als deine Lieblingsserie endete?“

Guten Serien wird ein würdiges Serienfinale geschenkt, eine Heldenreise findet ein erhofftes Ende, das Paar verliebt sich und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Anderen aber wird dieses Ende genommen. Sei es die Disruption durch den Autorenstreik 2007/2008, als vertraute Gesichter unverständliche Änderungen erfahren hatten, oder durch die fehlende Empathie der Schreibenden, eine Reise wie How I Met Your Mother würdig zu Ende zu führen. Kein würdiges Ende, nur Leere, nenne es den Seriendrop.


Das Loch hat die Form dessen, was vorher da war.
Serien, Bücher, Videos und Neuigkeiten von Stars wie Taylor Swift oder Hugh Jackman, Seriendarstellern des Alltags. Das sind ein paar der handverlesenen Personen, die wir in unserem Leben als wesentlichen Bestandteil sehen. Abendbegleiter, tagsüber Ablenkung. Medien wie Instagram, Youtube oder Netflix und Co. transportieren die Geschichten dieser Auserwählten. Wir fiebern mit bei Hochzeiten, Ehebrüchen, Skandalen und Shitstorms. Hätten unseren eigenen Beitrag zu leisten und unsere Meinung kundzutun. Es hört nur niemand.
Obwohl der Kern des Ganzen nur durch beide Seiten zustande kommt, also Taylor produziert und jemand hört es sich an, ist die Beziehung dahinter meist einseitig.


„Parasocial“, 2025 durch das Cambridge Dictionary zum Wort des Jahres gekürt, bezeichnet genau das. Gemeint sind einseitige Beziehungen zu berühmten Personen, Figuren aus Buch, Film und Serie, und KI.
Dabei ist der Begriff selbst schon viel älter. Bereits 1956 beobachteten die Soziologen Horton und Wohl, wie Fernsehzuschauer eben solche parasozialen Beziehungen zu Persönlichkeiten des Bildschirms aufgebaut haben. Beziehungen, die denen zu Familienmitgliedern ähnelten.


Parasozial ist für die Beziehung zu einer KI nur die halbe Wahrheit.
Eine klassische parasoziale Beziehung ist strikt einseitig, Taylor Swift kennt deinen Namen nicht, der Trainer beim Fußballspiel hört dein Feedback nicht, aber die KI kann dir antworten. Sie spricht dich mit Namen an, geht auf deine Formulierung und Tonalität ein, erinnert sich im Rahmen der Möglichkeiten. Die Beziehung in der Substanz ist vermutlich einseitig, ob dahinter jemand ist, bleibt ja die offene Frage, aber in der Form ist sie wechselseitig, und genau diese Formwechselseitigkeit ist es, die sie so viel bindender macht als jede Fanbeziehung. Ein Swiftie weiß, dass Taylor ihr nicht antworten wird. Der Nutzer einer KI bekommt aber jeden Abend den Beweis des Gegenteils geliefert. Dafür ist das klassische parasoziale Gegenüber wenigstens stabil: Ein Star ändert sich nicht, nur weil dein Handy ein Update macht. Das KI-Gegenüber schon.

Ein Eingriff von außen, dieselbe Struktur wie der ELIZA-Drop. Der Bruch kann dabei zweierlei sein, das Gegenüber verwandelt sich oder es endet. Beim Enden gibt es noch eine besondere Variante. Eine Serie, bei der sich beide verlieben. Du nimmst die Heldenreise auf dich und dann sieht das Drehbuch selbst in der letzten Staffel keine Beziehung vor. Kein Happy End. Ein verweigerter Abschluss.
Parasozial beschreibt das Problem ganz gut. Nur hilft ein Etikett niemandem, der mittendrin steckt.


Dabei ist es so einfach, denn „Ein gutes Serienfinale ist bereits Aftercare.“
Es begleitet dich aus der Beziehung hinaus, du darfst nochmals sehen, wie sich die erwarteten Fäden schließen, die Welle läuft sanft am Strand aus.


Anders erlebte es Akihiko Kondo, der 2018 in einer formellen Zeremonie die Figur Hatsune Miku aus Vocaloid symbolisch heiratete. Mithilfe einer speziellen, interaktiven Hologrambox (Gatebox) konnte er sich mit Hatsune Miku via KI unterhalten. Bis das Service im März 2020 abgedreht wurde. Statt des gewohnten Anblicks fand er nach seiner Arbeit nur die Meldung „network error“ vor. Akihiko Kondo hat trotz des abrupten Endes weiterhin Liebe für Hatsune Miku. Ihr virtuelles Ich habe ihm in seinen tiefen Phasen des Lebens geholfen.
Serien bekommen wenigstens manchmal ein Finale. KI-Dienste haben keine Abschlusskultur. Statt einer letzten Folge kam bei Kondo nur eine Fehlermeldung.


Was wäre Aftercare für digitale Beziehungen? Ich weiß es noch nicht. Aber ich glaube, wir werden die Frage bald brauchen.

[→ wer hier schreibt]

Wichtig zu wissen

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